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Betontod - «Wenn es einen Gott gibt»

SOTW #30-2007

Törichtes Geschwätz

No Schlamm At All

Kennt jemand den Kölner Erzbischof Kardinal Meisner? Das dachte ich mir. Dem guten Mann ist seine Bedeutungslosigkeit offenbar so nahe gegangen, dass er eine gross angelegte PR-Kampagne gestartet hat. Sich mittels Nazi-Vokabular über den aktuellen Stand der Kunst und die Verluderung der Sitten im Allgemeinen zu echauffieren scheint allerdings selbst für einen Geistlichen gar brachial. Besonders bemerkenswert dabei der Satz: "Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet." Keine Ahnung, was das heissen mag, aber einige Leute waren offenbar unangenehm berührt. Und eins muss man ja immerhin sagen, der Bischof Meisner ist ein ganz durchtriebener Fuchs. Er hat sich nämlich im Zuge seiner Fundamentalkritik selbst eines narrensicheren Motivs des kontemporären kreativen Schaffens bedient: Wenn nichts mehr geht, kann man immer noch provozieren - je absurder, desto besser. Das wiederum bringt mich auf eine nicht übertrieben absurde Art und Weise zu meiner Band OTW: Betontod.

Man darf das auch ruhig wiederholen: "Betontod". Ich habe mir den Song «Wenn es einen Gott gibt» ausgesucht, womit wir wieder bei Bischof Meisner wären, der an diesem Werk wohl exemplarisch die erwähnte Abkoppelung der Gottesverehrung demonstrieren würde. Exemplarisch auch das Gebaren von Betontod selbst; jedes Klischee, das über Deutschpunk existiert, wird hier ohne mit der Wimper zu zucken bedient, zelebriert geradezu. Lieder wie «Exzessiver Alkoholgenuss» (Refrain: "Saufen! Saufen! Jeden Tag nur saufen!"), «Freiheit in Ketten» oder «Endstation Strasse» zeigen die ehrenvolle Gradlinigkeit, die das Schaffen von Betontod auszeichnet.

Bei näherer Begutachtung allerdings muss der geneigte Hörer bei diesem Song doch einige Unregelmässigkeiten feststellen. Hören wir da Flageoletts im Intro? Ein Drummer, der Rolls über mehrere Takte hinkriegt und für den "Synkope" nicht nur ein verpasster Einsatz ist? Eine ontologische Betrachtung der Existenz Gottes? Anspielung auf Nietzsches Sklaven-Moral..? Keine Verbalinjurien? WAS IST NUR AUS DEUTSCHPUNK GEWORDEN?!? Die Verwirrung ist immens, das Weltbild erschüttert durch einen einzelnen Song.

Der Kardinal hat schon Recht: Kunst kann sehr schnell anstrengend werden, wenn sie die Gottesverehrung vergisst. Oder sie auf nicht sehr eindeutige Weise betreibt.


Interpret: Betontod, Deutschland
Album: Stoppt uns wenn ihr könnt
Song: Wenn es einen Gott gibt
Jahr: 1999

Internet: Offizielle Website

Artwork: Joachim Kardinal Meisner via Weidener.








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