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Cesaria Evora - «Petit Pays»

SOTW #8-2010

Meine kleine Stadt

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Diese Stadt kann dich auffressen, wenn du nicht aufpasst. Und immer wieder kommen mir klagen zu Ohren von Zugezogenen, Zürcher seien so verschlossen, schwer zugänglich und überhaupt nicht interessiert an neuen Freundschaften, Personen oder sonstigem. Und ich frage mich wieso sie dies ausgerechnet mir sagen, bin ich doch in dieser bösen Stadt aufgewachsen, mitten drin im Kuchen und mit mir sprechen sie ja auch, oder? Und zeichnet sich eine Stadt nicht irgendwie durch eine gewisse Einsamkeit, oder Anonymität aus? Wer in eine Stadt zieht, muss sich daran gewöhnen, dass nicht jeder gleich Bescheid darüber weiss, was man so getrieben hat. Obwohl, ist man in Zürich wirklich anonym? Wohl kaum - alle drei Ecken rennt man in jemanden, den man kennt, ob man es will oder nicht. In einer Grosstadt wäre dies anders.
‚Du bist die erste Zürcherin, die ich kenne.’ Sagt mir gestern jemand auf ner Party und ich frage mich ernsthaft, wo die Person gewohnt hat, in den letzten fünf Jahren ihres Studiums.

Sind denn Stadtzürcher wirklich eine Spezie Rara, oder einfach chamäleonmässig so gut versteckt, dass sie gar nicht auffallen? Integriert sozusagen, in den internationalen Fertigmixkuchen, aus Studierenden, Gastarbeitern, Flüchtlingen, Hängengebliebenen, Zugezogenen diverser Generationen und Expats.

Dabei sind wir doch eigentlich immer laut, grossmäulig und arrogant, dass wir überall auffallen sollten. Ein Bild, das, wenn man mich fragt, von der Stadtzürcher SVP geschürt wurde und nicht ganz mit der Realität übereinstimmt. Wie so vieles, das hier mehr scheint, als es wirklich ist.

„Habt ihr das gehört, von der Schiesserei vor dem Samses? Ich wohne gleich da ums Eck! Also langsam muss man sich wirklich Sorgen machen in dieser Stadt, das ist doch nicht mehr normal! Purer Zufall, dass niemand getroffen wurde.“

Und ich frage mich, was denn eine Stadt ausmacht? Die verschiedenen Kulturen, das Rotlichtviertel, die Banken, der Verkehr, aber auch die Kriminalität und ich antworte, dass sicher nicht täglich an der Langstrasse jemand fast erschossen wird und man auch beim Treppensteigen sich ein Bein brechen kann.
„Aber dass ist ein kalkulierbares Risiko!“

Sollte aber jemand, der ins Rotlichtviertel einer fremden Stadt zieht, nicht auch damit kalkulieren, dass er vielleicht eventuell, mal aus Versehen erschossen werden könnte von einem Querschläger? Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit vermutlich sogar kleiner, als besagter Beinbruch – in Zürich zumindest.

„Und die Kriminalität wird immer schlimmer.“ Ich hätte ihr nun gerne von den verschiedenen offenen Drogenszenen erzählt, die es nicht mehr gibt, sondern in Trendspots umgewandelt wurden. Und dass man sich nicht von den Medien verrückt machen lassen soll und und und.

Aber ich wollte mich ja nicht als arrogante Zürcherin outen, so hab ichs halt gelassen. Ich mich weder für noch gegen diese Stadt wenden, sie ist nicht Hure, aber auch nicht Heilige.

Interpret: Cesaria Evora
Album: Cesaria, CV
Song: Petit Pays
Jahr: 1995

Internet: Offizielle Seite,


Empfohlene Tätigkeit beim Hören dieses Songs: Tramfahren und dabei aus dem Fenster schauen, Querschlägern ausweichen

Artwork: Kindskopf








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