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Frank Zappa - «Who needs the peace corps»

SOTW #8-2008

Zweifelhafte Begegnungen mit dem Ober-Freak

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Heute wollen wir uns mal mit Frank Zappa beschäftigen. Dabei muss ich leider zugeben, dass Leben wie Werk von Frank Zappa für mich absolute terrae incognitae sind. Dies hängt jedoch nur bedingt mit dem tatsächlichen, zweifelsohne interessanten und hörenswerten Schaffen Zappas zusammen, sondern vielmehr mit einer klaren Verweigerung zur vertieften Kenntnisnahme meinerseits. Dieser Verweigerung wiederum liegt eine Furcht zugrunde. Die Furcht, mich zu verlieren. Denn falls ich mir tatsächlich mal ein Album von Frank Zappa anhören oder gar kaufen und dann auch noch mögen würde, würde ich mich wohl allzu bald dazu entschliessen, ein weiteres Album aus dem schon auf den ersten Blick masslos umfangreichen - für einen dem Vater der Mothers of Invention bereits Ergebenen wohl einem nie leer werdenden Füllhorn gleichenden - Werk zu erstehen. Und dann noch eins und noch eins. Diese Furcht mag nicht allen Lesern logisch erscheinen, ich jedoch behaupte zu wissen von was ich rede. Ist mir nämlich schon einige Male passiert, beispielsweise mit einem gewissen Herr Zimmermann, von dem ich inzwischen so viel gekauft, gehört und gelesen habe, dass ich kürzlich, als ich mir den Film «I'm not there» im Kino angesehen habe, dermassen viel Blasphemie gerochen habe, dass ich beinahe die Sitzreihe vor mir voll gekotzt hätte und gleichzeitig einen gigantesken Furunkel am Po bekam. Grenzerfahrungen wie diese haben mich gelehrt, dass ich mich anderen Künstlern, die auf ähnlich langen, breiten und verwirrenden Lebenswerken sitzen, auf ewig zu verweigern versuchen sollte. Und das hat bei Frank Zappa bisher ganz gut geklappt.

Wobei, an Zappa vorbeizukommen ist nicht eben ein Leichtes, wie im weiteren Verlauf dieses Textes eindrucksvoll bewiesen werden wird. Immer wieder erlebte und erlebe ich sogenannte close encounters mit dem rätselhaften Wirrkopf. Das bisher jüngste Ereignis dieser Art spielte sich in einem Restaurant unweit vom S-Bahnhof Stadelhofen ab. In freundschaftlicher Atmosphäre wurde in dieser Lokalität diniert und sinniert. Bis der gute Tobias - der geneigten Leserschaft zweifellos als hiesiger Schreiber bekannt - die Toilette aufsuchte und mit einer Postkarte, die in einem dieser Postkartenständer, die jedes Restaurant oder jede Bar, die etwas bzw. eben gar nichts auf sich hält irgendwo in der Nähe der örtlichen Aborte aufgestellt hat, gelegen hat. Darauf stand:

"Writing about music is like dancing about architecture" - Frank Zappa.

Nun, ich weiss nicht, ob sie, liebe/r Leser/in, schon mal versucht haben, das neue Olympiastadion von Peking oder die Torres-Blancos von Madrid zu tanzen und, falls ja, welche Knochen sie sich dabei gebrochen haben. Ich jedenfalls denke nicht, dass Architektur tanzen lohnenswert oder gar lustig sein soll und verstehe das Zitat vielmehr dahin gehend, als dass das Schreiben über Musik völlig unmöglich oder - beinahe noch schlimmer! - völlig unnötig ist. Die Hoffnung, dass ich deswegen aber sofort den Stift (oder - um die Romantik beiseite zu lassen und der Realität zu entsprechen - die Tastatur) ins Korn oder ins Cheminee schmeissen werde, ist allerdings leider verfrüht. Denn auch wenn dieses Zitat durchaus lustig zu lesen und so unwahr (jedoch: wie nah kann man einem bestimmten medialen Werk denn mit einem Werk eines anderen Mediums überhaupt kommen?) wohl auch nicht ist, fühlte ich mich jedoch ein wenig verunsichert und auch verwirrt. Ist das Schreiben über Musik wirklich dermassen abwegig? Ist nicht gerade das Vergleichen einer Tatsache ("writing about music") mit einer Metapher Marke hanebüchen ("dancing about architecture") das zentrale Wesensmerkmal bzw. gar eine Erfindung der Musikkritik? Nun, ich denke: nein. Dennoch, meine durch die Uni vermittelte Neurose, dass alles, was ich wo auch immer schreibe, der reinen und nichts als der Wahrheit (regelmässige Leser meiner Texte mögen mir an dieser Stelle kopfschüttelnd beipflichten oder vor Lachen sterben) zu entsprechen hat, schlug auch heute durch und veranlasste mich, eine kleine Recherche durch die riesige, binäre Müllhalde menschlicher Gehirne und Gelüste, die wir "das Internet" nennen, zu unternehmen und einen durchaus bemerkenswerten Text zu finden (Link siehe weiter unten in der Rubrik "Internet"). Darin wird nämlich versucht zu ergründen, wer denn das obige Zitat tatsächlich als erster von sich gegeben hat. Das war nämlich gar nicht unser Frank Zappa! Vielleicht jedenfalls. Der Text führt nämlich zu keinem eindeutigen Schluss. Ausserdem beginnt das besprochene Zitat auf dieser Website auch nicht mit "Writing about..." sondern mit "Talking about...", was den hiesigen Rahmen und Zusammenhang ja wohl in Tausend Stücke sprengt und der philodophischen Besprechung desselben in diesem Text hier jeglichen Sinn und Pointe raubt. Haken wir dieses Ereignis unter dem Vermerk "QED; man kann sich durchaus ins sprichwörtliche Abseits recherchieren" ab. Oder, um in der Sprache des Fussballs zu bleiben: ein klassisches Eigentor.

Jedoch, wie angedeutet hatte ich bisher mehrere derartige Erlebnisse und das eben zum Besten gegebene war nur eines davon. Ist es Zufall oder einfach mein Leben, die zweite Begegnung mit Zappa fand ebenfalls in einer Kneipe statt. Diese Kneipe nun steht im Zentrum der Stadt, gleich neben dem Hauptbahnhof, verfügt über eine Jukebox, von der später noch ausführlicher die Rede sein wird, ein Fernsehgerät an der Wand und den besten Kellner der Welt. Allein die Geschichten und Abende, die ich dort drin verbracht habe, füllen Bände vom Ausmass einer Brockhaus Spezialausgabe und ich bin - verglichen mit den Die-Hard Stammgästen dieser Kaschemme - bloss ein blutiger Azubi (ein feierliches "Zum!" sei an dieser Stelle in die Runde geworfen). So geschah es eines schönen Nachmittags, dass ich Zwecks einer Stärkung vor einer geplanten Zugreise zusammen mit Dominik, der dieses Blog ja auch schon mit einem Text beehrt hat, die besagte Kneipe aufsuchte. Ich glaube, kann mich aber durchaus irren, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal die neue, digitale Jukebox gesehen habe. Ohne jetzt zu tief in die glorreiche Geschichte des Wurlitzers und dessen Nachfahren eintauchen zu wollen, muss doch gesagt werden, dass die alte Jukebox der hier besprochenen Bar ein in dem Sinne klassisches Gerät war, als dass es darin Platz für 100 Cds gab, deren Covers und Titellisten man durchblättern konnte, dann die entsprechende Nummer eingeben musste und schliesslich zuschauen konnte, wie der Disc-Roboter die Scheibe suchte, raus zog und auf den Laser legte. Im neuen Kasten aber gibt es keine Tonträger mehr und auch keine ganzen Alben. Dafür einen Touch Screen, mit dessen Hilfe man sich in alphabetischer Reihenfolge durch die Musikgeschichte scrollen kann. Nun, ich werde ein anderes Mal erläutern, weswegen ich diese Maschine als verkappte Erfindung der Nazis verteufle (und das hängt bei weitem nicht nur damit zusammen, dass «Don't fear the reaper»(*) in dieser Jukebox nicht existiert) und stattdessen endlich mit der Schilderung meiner zweiten Begegnung mit dem akustischen Erbe Zappas fortfahren. So sassen wir also zu zweit an einem Tisch und kauten gerade auf ein paar Hühnerflügeln mit Reis rum, als am Nebentisch eine Diskussion über das gerade laufende Lied losbrach. Als diese Diskussion immer lauter wurde, schalteten auch wir uns ein und begannen mit den beiden anderen Typen über Musik zu quatschen (keine Angst, es läuft hier nicht darauf hinaus, das wir danach alle gemeinsam auf der Bahnhofstrasse das neue Kongresshaus tanzten - das war ein anderer Nachmittag). Nach einer Weile Gequatsche begann die Jukebox mit einem neuen Lied, nämlich Frank Zappas «Bobby Brown». Nun fragte mich der eine Typ vom Nachbartisch: "Ou du, wer isch das scho wieder?" Ich nannte ihm den gesuchten Namen. Er darauf: "Aah ja, de seit mer öppis, was hät de scho wieder so alles xunge?" Nun, da waren Dominik und ich schon am Ende unseres (leider nie richtig gelernten) Lateins. "Ja weiss au nöd, hät doch mal sone Band ka, Mothers of irgendöppis... oder?" Darauf grinste uns unser Gegenüber an, hob die Arme und breitete sie aus, so weit, dass zwischen seinen gestreckten Handflächen der Urmeter bequem Platz gehabt hätte. Etwas ratlos schauten wir uns an und vergangene, an selber Stätte geschehene Begegnungen mit unzähligen Freunden der Nacht, denen diese Freundschaft nicht nur gut getan hatte, erschienen vor unserem geistigen Auge. Was wollte uns der Typ damit sagen? Er spannte uns nicht länger auf die Folter und füllte seine zunächst verwirrende Geste mit beruhigender Logik: "Han oi nume versecklet jungs, bin de gröscht Zappa-fän xi wos git, han sovil (dieses Wort hatte er mit seinen Händen angedeutet) schallplattene dihei vo dem!" Nun, von der auf dieses Coming Out folgenden Unterhaltung, zu der der Geoutete den grössten Teil, meist in Form pointierter Anekdoten, beisteuerte, soll nur etwas hier wiedergegeben werden, da es für den Übergang zum nächsten und gleichzeitig letzten Abschnitt dieses Textes benötigt wird. Er sagte nämlich, er habe Zappa zwei oder dreimal hier in der Schweiz live gesehen, aber die Konzerte seien alle zum vergessen gewesen.

Und um ein Zappa Konzert geht es denn auch im nächsten Histörchen. Ich hab nämlich mal (so etwas wie) ein Zappa Konzert gesehen und das war nun wahrlich eine unheimliche Begegnung der dritten oder gar vierten Art. Das angesprochene Konzert fand auf einem Bauernhof im Aargau statt und zwar im Sommer der Liebe 2003. Dort stieg nämlich damals das grandiose "Love&Peace Openair", bei dem lauter Grössen der 1960er Jahre, bzw. lauter Coverbands diverser Grössen der 1960er Jahre, auftraten. Darunter auch die so genannte Zapping Buzz Band aus Genf, die sich auf Zappa-Covers spezialisiert hat. Und das durchaus nicht nur im musikalischen Sinne. Leider oder glücklicherweise kann ich mich aus diversen Gründen, die hier nicht weiter ausgeführt werden wollen, nicht mehr im Detail an die Geschehnisse erinnern, die sich auf dieser Bühne abgespielt haben. War das experimentelles Theater oder eine mit Live-Musik unterlegte Stripshow (leider bestand die Band nur aus Typen) oder eine etwas gar extrovertierte Musikdarbietung oder eine leidlich exzentrisch inszenierte Landung von ausserirdischen Tucken oder alles zusammen oder was denn jetzt? Nun, wie sehr viel weiter oben bereits gesagt, bis jetzt hüte ich mich tunlichst davor, das genauer herauszufinden. Drückt mir die Daumen!

(*) Habe ich in meiner Recherchewut ebenfalls nachgeprüft und mittlerweile gibt es den Song tatsächlich auch in der neuen Jukebox. Nichtsdestotrotz bleibt dieses Gerät eine Ausgeburt des Bösen.

Interpret: Frank Zappa and the Mothers of Invention
Album: We're only in it for the money
Song: Who needs the peace corps
Jahr: 1968

Internet: Offizielle Website, Diskussion zur Herkunft des Zitats

Empfohlene Tätigkeit beim Hören dieses Songs: Sich einen schnieken OLiBa wachsen lassen und dabei zusehen.

Artwork: Mother(board) of Invention, aus dem Helikopter fotografiert.





Comments

und der längste SOTW-Text 2008 geht an.... Hannes!

...und zwar dermassen lang, dass eh niemand den text gelesen hat...

Ha! Ich hab ihn gelesen! Aus reinem Ehrgeiz natürlich. So wie man einen Berg besteigt nur um auf der Spitze stehen zu können, hinunter zu schauen und zu sagen: "Wow, ich he! Alles ufe gloffe! Nöd schlächt!" Apropos Eigenlob; Ich würde gerne darauf hinweisen, dass die ominöse Postkarte ursprünglich von mir aufgefunden wurde. Da ich aber nur ein Exemplar mitnahm, machte sich der gute Tobias einige Tage später auf die Suche nach mehr davon. Und wer sucht, der findet ja bekanntlich auch. Und wenn wir schon bei Sprichwörtern, Zitaten und anderen Weisheiten sind, würde ich gerne noch folgende Aussage von E.T.A. Hoffmann hinzufügen, die wohl besser zur Situation passt: Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an.
Ja und was ich ebenfalls noch sagen wollte, um Missverständnisse vorzubeugen: Ich gehe durchaus gern zu Berge und der anfangs eingeführte Vergleich soll nicht meinen, dass die Lektüre deines Textes irgendwie mit Schmerzen (Muskelkater, Blasen, Sonnenbrand) verbunden war.

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Björk - «Wanderlust»
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