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Jim Morrison - «An American Prayer»

SOTW #24-2008

Jim Morrison und die Doors mal wieder wiederentdeckt

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Wie ist das möglich? Da sehe ich in der Zeitung und im Fernsehen Fotos von einem Indianerstamm in West-Brasilien, der bis heute (A.D. 2008!) unberührt vom Rest der Welt gelebt haben soll. Unvorstellbar. Ich hoffe bloss, es ist keine Dok-Film Reise zu diesen spassigen Jungs geplant, denn wie abenteuerlich und widerwärtig eine solche Expedition rauskommen kann, hat man beispielsweise bei «Cannibal Holocaust» ja eindrücklich zu Sehen bekommen.

Indians scattered on dawn's highway bleeding
Ghosts crowd the young child's fragile eggshell mind.

Mit Indianern hat auch unser dieswöchiges Subjekt zun. Der selbsternannte Schamane Morrison war als Kind Zeuge eines Autounfalls, bei dem "a truckload of Indian workers" sterbend oder tot auf und neben der Strasse lagen. "The souls of the ghosts of those dead Indians...maybe one or two of 'em...were just running around freaking out, and just leaped into my soul", sagte Morrison 1970 (beide Zitate aus dem Song «Dawn's Highway»). Morrison, ein Jahr später in Paris unter bis heute nicht vollständig geklärten Umständen in seiner Badewanne verstorben, liebte die Vorstellung des Indianerlebens und predigte in seinen Texten mehrfach den Rückzug in die Wilderness.

Do you know the warm progress under the stars?
Do you know we exist?
Have you forgotten the keys to the kingdom?
Have you been borne yet & are you alive?

Let's reinvent the gods, all the myths of the ages
Celebrate symbols from deep elder forests
[Have you forgotten the lessons of the ancient war?]
We need great golden copulations

Mit diesen Worten beginnt An American Prayer. Tja entschuldigt, aber ich lese momentan ein Buch mit dem viel versprechenden (und alles vollkommen haltenden) Titel «Pfeile gegen die Sonne: Der Dichter Jim Morrison und seine Vorbilder». Ein echtes Monumentalwerk, das durchaus die Form und Tiefe einer Habilitationsschrift hat, an die Tausend Seiten zählt und gespickt ist mit Anekdoten, Querverweisen und wildwüchsigen Fussnoten. Da drin gibt es allerhand interessantes zu entdecken und das nicht nur über Morrison direkt. Die massenmedial vermittelte Geschichte der Band und des Lebens ihres Sängers erfährt hier einige Korrekturen und man lernt einen gebildeten, nachdenklichen Morrison und dessen Poesie, die bis heute ein eher (hinter den Songs der Band) verstecktes Dasein fristet, kennen. Stellvertretend für sämtliche Gedichte und Songtexte Morrisons soll hier sein episches Amerikanisches Gebet vorgestellt werden. Dieses Gedicht wurde, wie übrigens alle auf dem gleichnamigen Album vorhandenen, an Morrisons letztem Geburtstag, dem 7. Dezember 1970, von ihm im Studio (ohne Anwesenheit der Doors) eingesprochen. Erst einige Jahre später, 1978, vertonten die drei übrig gebliebenen Bandmitglieder Robbie Krieger (Gitarre), Ray Manzarek (Keyboards) und John Densmore (Drömms) den gesprochenen Nachlass Morrisons auf (kon-)geniale Art und Weise. Morrisons Texte wurden mit groovenden Gitarren- bzw. Keyboardklängen und stampfenden, hypnotischen und (jetzt kommt's) indianischen Trommelschlägen unterlegt.

Der oben angesprochene von Morrison propagierte Rückzug aufs Land und in die Wälder war zu einem grossen Teil mit der Verweigerung an der Teilnahme am modernen, kapitalistischen Leben verbunden, ist allerdings, wie das folgende Zitat (aus H.U. Reck, «Nacht im Feuer: Zur Alchimie des Todes in der Rockmusik», 1981, S. 233) zeigt, nicht von einer blinden Romantisierung des Landlebens, sondern vor einer Furcht der standardisierten und "mechanisierten" Gesellschaft getrieben:

"Es scheint einen Trend zu geben, der zu einer einfachen Lebensanschauung zurückführt, zur stammesähnlichen Lebensgemeinschaft, eine natürliche und naive Reaktion auf die Industrialisierung. Die Zukunft wird mechanisiert und von Computern beherrscht. Ich glaube nicht, dass es einen Weg zurück gibt. Es geht vielmehr darum, einen Weg zum Überleben und Gedeihen in dieser Gesellschaft zu finden. Die Hippie- und Yippie-Bewegung ist eine Art dionysische Reaktion auf diese Leben, aber sehr naiv und kraftlos. Der Lebensstil der Hippies ist ein Phänomen der Mittelklasse. Er könnte in keiner anderen Gesellschaft als der unsrigen existieren mit ihrem unglaublichen Überfluss an Gütern, Produkten und Freizeit."

In diesem Zitat offenbart sich auch eine sehr differenzierte Ansicht über das Wesen der Hippies, denen Morrison und die Doors ja häufig - eine Folge von schierer Inkompetenz und Ignoranz - selbst zugerechnet wurden und werden.

Und wenn Morrison in den letzten Versen des «American Prayer» sehnsüchtig nach dem Reich des Todes blickt, schätzt und preist er zunächst das Fehlen des im obigen Zitat angesprochenen Überflusses, an dem die amerikanische Gesellschaft so sehr krankt (mit etwas Humor könnte man die ersten beiden Zeilen des folgenden Ausschnitts wohl auch auf die Sowjetunion beziehen...):

No more money, no more fancy dress
This other kingdom seems by far the best
until its other jaw reveals incest
& loose obedience to a vegetable law

I will not go
prefer a feast of friends
to the giant family

An die letzten drei Zeilen klammern sich die Morrison-Verehrer und die Verschwörungs-Theoretiker natürlich seit Jahrzehnten krampfhaft. Dass diese Worte nämlich eine Botschaft seien und dass er, der Lizard King, nicht gestorben, sondern bloss abgetaucht sei und noch immer unter uns weile, mit Bart, mit dickem Bauch, ohne all das, was denn chronisch offen-hemdigen und Leder-behosten Schürzenjäger einst ausgemacht hatte. Ganz so, wie ausgesehen haben muss, bevor er sich nach Europa absetzte, um von allen und allem zu fliehen. Dieser Mann, der an seinem Ende einfach nicht mehr konnte und - ich persönlich mag diese Vorstellung, auch wenn es immer wieder Gerüchte um Heroin et al. gibt - mit erst 27 Lenzen aus blosser Erschöpfung gestorben ist, schrieb, sprach, sang und schrie Worte, die von jugendlicher Lebens- und Wolllust in der Grossstadt ebenso wie vom alten, von Geistern und unheimlichen Riten geprägten Dasein der amerikanischen Ureinwohner kündeten.

O great creator of being
grant us one more hour
to perform our art
and perfect our lives


Interpret: Jim Morrison, Musik von den Doors, Los Angeles, CA
Album: An American Prayer
Song: An American Prayer
Jahr: 1978

Internet: Wikipedia, Youtube, Morrisons Leben in Paris.

Empfohlene Tätigkeit beim Hören dieses Songs: den Schamanentanz tanzen und auf den Regen warten (...and the rain falls gently on the town, and over the heads of all of us...; «The Celebration Of The Lizard: The Hill Dwellers»).

Artwork: HG am Grab von Jim Morrison auf dem tollen Père Lachaise Friedhof zu Paris (...cemetary, cool and quiet, hate to leave your sacred lay, dread the milky coming of the day; «Graveyard Poem»).





Comments

Meine Güte, HG, ein Text, so lang schon fast ein Lebenswerk...

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