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The Decemberists - «We Both Go Down Together»

SOTW #06-2007

Wenn Wendys Musik hören

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Wie eine andere SOTW-Gastschreiberin kürzlich zu später Stunde festgestellt hat, lässt sich die Frauenwelt unterm Strich in zwei Schubladen verräumen: Die Wendys und die Nicht-Wendys. Der Anlass, der zu dieser hochdifferenzierten Kategorisierung führte, würde auch wenn ich ihn herleiten könnte, nichts zur Sache tun. Fakt ist, dass es Wendys gibt. Nebst der offensichtlichen Zuneigung für grössere Vierbeiner, freuen sich Wendys über das Comeback von Take That. Sie finden Filme ohne Happyend nicht unterhaltsam. Sie glauben, dass man mehr als von Prinzen träumen kann, dass Pflaster Schmerzen lindern und dass es weisse Schimmel gibt. In ihrer Videothek gehört Cinderella zum Genre Dokumentarfilm – basierend auf einer wahren Begebenheit. Jerry finden sie gemein und mit Tom haben sie Mitleid. Sie sind immer davon überzeugt, dass er doch mal noch anruft und für einen kurzen Moment dachten sie damals wirklich, Britney und Justin schauen sich nur das Guetnachtgschichtli an. Wären sie Meredith Grey, hätten sie sich am Ende der dritten Staffel für den Tierarzt entschieden. Und dann gibt es die Nicht-Wendys. Das sind, na ja, die anderen halt.

Wie sich diese Schubladisierung auf die Musik auswirkt, sei heute einmal an den Decemberists aufgezeigt. Wendys sehen in „We Both Go Down Together“ den tragisch-romantischen Doppelselbstmord zweier Liebenden, die an die tödlichen Grenzen der Gesellschaft gestossen sind und deren Seelen durch den Sprung von den weissen Klippen endlich erlöst werden und zueinander finden. Eine inhaltlich leicht abgeänderte, aber nicht weniger pathetische musikalische Romeo und Julia Inszenierung also. Für Nicht-Wendys spricht schon der Titel des Albums gegen diese Interpretation. Nicht-Wendys sehen wohl eher einen selbstzentrierten und psychotischen Protagonisten, zwar aus reichem Hause, aber dennoch ein unerfahrener Taugenichts, dessen erste selbstständige Gehversuche in die unteren sozialen Gefilde führen und in einem machoiden Vergewaltigungs-Mord-Drama ihr Ende finden.

So oder anders weiss der Song eine wehmütige, melancholische, verstaubte, windige, beengende und zugleich äusserst befreiende Atmosphäre zu erzeugen. Ohne Zweifel ist die Wendy-Version die hoffnungsvollere und schönere. Es ist jene, die verdient gesungen zu werden und die wir alle gerne hören würden. Und an guten Tagen hört man sie tatsächlich. Im Wissen um die Interpretation der Nicht-Wendys wirkt sie dann um so perfekter.


INFOBOX
Interpret: The Decemberists, USA
Album: Picaresque
Song: We Both Go Down Together
Jahr: 2005
Genre: Independent, Alternative Rock
Website: www.decemberists.com

Gast: Lea
Artwork: Literally falling in love
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Comments

Ich gestehe: Nicht-Wendy. Schuldig in allen Anklagepunkten!

Lea rockt!

Ist das schön geschrieben! Ebenfalls eine Nicht-Wendy, auch wenn ich mir bei der Interpretation des Liedes zunächst auch nicht ganz sicher war. "You wept but your soul was willing" war dann aber doch eher eindeutig.

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