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The White Stripes – «Seven Nation Army»

SOTW #33-2008

Wenn Grosse ganz klein sind

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Nichts am Erwachsensein ist so toll, wie man es sich vorgestellt hat. Die hohen Absätze schmerzen, die Jungs werden nicht gerade umgänglicher, das Geld muss man sich selber verdienen, der Traumberuf bleibt mehr Traum als Beruf, die Abstimmungen gehen nie so aus, wie man selbst gewählt hat, die Freiheit bringt Verantwortung, die Verantwortung Konsequenzen und Süssigkeiten machen dick. Höchste Zeit das Erwachsenwerden einzustellen. Es wird definitiv gewaltig überschätzt.

“Too many people grow up. That's the real trouble with the world, too many people grow up“ hat Walt Disney ganz richtig festgestellt und daraufhin sein Leben der Gesellschaftsverjüngung gewidmet. Sollen sich doch die ganzen Freiheiten, die megamässigen Parties, die unwiderstehlichen High Heels, der hochprozentige Alkohol und der grossartige Sex wieder dorthin scheren, woher sie so plötzlich gekommen sind – Ok, zugegeben, über die letzten beiden Punkte lässt sich diskutieren. Aber alles andere würde ich für einen kindlichen, sorgenfreien Tag bei Franz Carl Weber eintauschen. Da mich meine Erwachsenenlogik leider darauf aufmerksam macht, dass sich dieser Tausch als eher schwieriges Unterfangen gebärdet, schaue ich halt Olympia. Ja, genau, Olympia. Mit allem drum und dran, sogar dem Physik-Pater in der Peking-Lounge und dem grottenschlechten Publikum-nimmt-Platz-Musikintro. Denn: „Sports is the toy department of human life.“ Dies hat ein amerikanischer Sportjournalist festgestellt und, wie ich finde, lag er damit nicht ganz falsch. Selten wirken die Grossen unter uns so klein. Es wird gehüpft, geweint, geflucht, getrotzt und gefreut, genauso hemmungslos wie damals. Die Ratio ist in den Hintergrund gerückt, die Absurdität aller Sportarten vergessen. Männer dürfen weinen und sich den Hintern tätscheln. Tontauben werden erschossen. Alle gefühlte fünf Minuten wird ein Weltrekord aufgestellt. Es geht um lächerliche, für die Weltgeschichte irrelevante, kaum fassbare Hundertstelsekundenmeterpunkte oder was auch immer. Und trotzdem oder genau deswegen macht es Spass. Klein Roger und noch kleinerer Stan bewundern mit glänzenden Äuglein ihre Goldmedaillen und mir wird warm ums Herz. Ich fiebere mit und, ganz im Sinne der letzten Euro, erlebe Emotionen. Völlig eingenommen durch das Phänomen des Wettkampfs befinde ich mich also im Spielwarenparadies für Erwachsene. Und das spezielle Zückerchen, das i-Tüpfelchen des ganzen Brimboriums liefern die White Stripes mit ihrem Song «Seven Nation Army», welcher die Disziplin der Fan- und Sportlieder auf ein neues Niveau hebt und für mich jeden Sportevent um eine Klasse besser werden lässt.

Interpret: The White Stripes
Album: Elephant
Song: Seven Nation Army
Jahr: 2003

Internet: Band, Wiki zum Song

Empfohlene Tätigkeit beim Hören dieses Songs: Fanen, Johlen, Daumen drücken, Tränchen vergiessen, Herzinfarkte verhindern. Für Erwachsene: Dasselbe mit Alkohol.

Artwork: Lea für SOTW





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Ein schöner Artikel.

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