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The Who - «Christmas»

SOTW #50-2005

Schreien und schreiben mit Tommy

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Traurig aber wahr, ich muss mal wieder eine Seminararbeit schreiben. Das bedeutet, den ganzen Tag im Zimmer sitzen, der Rollladen unten (die Ansicht der spielenden Kinder draussen kann ich nicht ertragen, jedenfalls nicht jetzt), die Fenster zu (das Kreischen von spielenden Kindern ertrage ich erst recht nicht, gar nie) und ein zwei Liter Tetrapack des besten Eistees, den es auf dieser Seite des Eisernen Vorhangs zu kaufen gibt auf dem Pult. Dazu etwas Musik? Eine sehr heikle Angelegenheit. Zum Lesen beispielsweise höre ich nie Musik, aber das Verfassen einer Seminararbeit benötigt ja nun auch nicht so viel Aufmerksamkeit wie das Lesen eines Jonathan-Latimer-Krimis. Und wenn Musik, was für welche? Am besten elektronische Chillout-Fahrstuhl-Musik um zwar den Hintergrund beschallt zu haben, aber trotzdem nicht allzu erheblich in der Konzentration gestört zu werden. Solche Musik besitze ich aber leider nicht, könnte jedoch im Zimmer meines Bruders danach suchen, aber bis ich in diesem Chaos eine brauchbare und gleichzeitig noch intakte Cd gefunden hätte, wäre der Abgabetermin wohl schon um Wochen verpasst...

Wie auch immer, das Album, dass sich bei mir für diese Gelegenheiten bewährt hat, ist Tommy von The Who. Mein Tipp: Album auf eine 90 Minuten Kassette überspielen und mit ein paar sonstigen Hits der Band (Can't explain sollte hierbei auf keinen fall fehlen) anreichern und dann auto-reversen bis das Sportpanorama oder das Nachtessen oder am besten gleich beides kommt.

Es handelt sich bei Tommy um eine sogenannte Rock-Oper, in der das Leben eines Jungen - der, wenn er denn nicht taub wäre, auf den Namen Tommy hören würde - erzählt wird. Da ich schon tausend mal gehört habe, was der gute Tommy so alles erlebt, läuft die Musik, ohne dass ich sie bewusst wahrnehme. Doch wenn gerade mal wieder ein musikalisch besonders gelungener Lebensabschnitt des bemitleidenswerten Tommy - der taub-stumm und blind, aber gleichzeitig der beste Flipperkastenspieler zwischen Soho und Brighton ist - an der Reihe ist, stelle ich kurz, nur für einen Song, lauter und "singe" (meine Musiknoten-Trefferquote ist ungefähr gleich hoch wie die momentane Trefferquote von Alex Frei, sprich erbärmlich) laut mit. Und von diesen geilen Songs gibt es auf Tommy unzählige und je nach Tag oder Tapedurchlaufzahl sind das immer andere, aber das Lied, wo ich bestimmt jedes mal auf den "Lautaaaa!" - Knopf drücke, heisst (bald wieder aktuell) Christmas.

Mit Pete Townshend und Keith Moon zusammen uuuuuuuuuuuuuuuuu-hahahahahahahahahahaha zu sing-grölen, das einfach toll und lustig und entschädigt für den ansonsten tiefgrauen Tag (und die verfluchte Seminararbeit). Mein Vater, der jedes Mal, wenn die Musik in meinem Zimmer eine gewisse Dezibelzahl überschreitet, herein kommt um mich zurechtzuweisen, da er gerade schlafen/lesen/ein SuDoKu-Rätsel lösen und darum absolute Ruhe will, fragt dann jedes Mal: "Das känni, was isch das scho wieder?" - "Ja ebe The Who" - "Ah jo, genau, isch no guet, aber mach jetz liiser!", nur um dann eine Stunde später, wenn wieder dasselbe Lied in der selben Lautstärke läuft, den gleichen Auftritt mit genau gleichem Ablauf abzuliefern...

"Did you ever see the faces of the children, they get so excited"� Nein, ich seh' die blöden Racker nicht, mein Rollladen bleibt unten.


INFOBOX
Interpret: The Who, England
Album: Tommy
Song: Christmas
Jahr: 1969
Genre: Rock
Internetlink: www.thewho.net/

Artwork: Ausschnitt aus dem offiziellen "Tommy"-Flipperkasten, Originalbild: Foto #19024 der Internet Pinball Machine Database








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