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Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra and Tra-La-La Band - God Bless Our Dead Marines

SOTW #25-2010

Lost in the Röschtigraben oder Grass kaufen in Biel/Bienne

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Vor einiger Zeit, als ich noch kein Yuppie-Dink war und der Markt und meine Connections in Zürich ungefähr so ausgetrocknet waren wie der Mund nach einem kräftigen Zug an einem Joint, traf ich mich in Biel mit meinem Freund Nicolas (Name geändert), um dort im grossen Stile Marijuana einzukaufen. Laien wie Spiesser fragen sich nun natürlich, wieso gerade in Biel, der alten Uhrmacherdomäne mit seiner Neu-Sachlichen Neustadt, dem See und den doppelt angeschriebenen Strassen. Nun, Biel ist bezüglich Cannabis ungefähr so, wie es Zürich Ende der Neunziger war. Oder wie es ein befreundeter Ortsansässiger mal so treffend sagte: "Du hast New York für die Kunst, Mailand für die Mode und du hast Bienne für Grass!" Tatsächlich, als ich dort einmal auf dem Weg nach Lausanne einen Zwischenstopp gemacht habe, lief ich auf dem Weg zum Musée Neuhaus (ein Ort der Freude für Bolex-Enthusiasten und Robert Walser Biografen) völlig unverhofft an einem Grasladen der ganz alten Schule vorbei (dem ich natürlich spontan gleich einen Besuch abstattete). Der Verkäufer dort drin war selbst für einen Drogendealer aussergewöhnlich paranoid, dennoch war die Erfahrung insgesamt erhellend.

Nicolas und ich hatten diesmal vor, uns ordentlich einzudecken, jedoch waren wir nicht sicher, wo. Er hatte bereits einige Male am selben Ort, praktischer Weise gleich in der Nähe des Bahnhofs, eingekauft, stand jedoch beim letzten Versuch vor verschlossenen Türen. Ein Hinweis im Fenster ("bin in 5 Minuten zurück") liess ihn damals aber hoffen, obwohl der Zettel schon ziemlich vergilbt aussah. So entschloss er sich, erst mal eine Weile dort zu warten. Ein Mann, der vor dem Haus im Auto sass, bedeutete ihm mit Handzeichen, er möge doch mal etwas näher treten. Als er dies getan hat, fragte ihn der Mann, ob er unter Umständen diese Ecke der Stadt besuchte, um das Heilige Kraut zu kaufen. Es stellte sich heraus, dass der Zettel mit den 5 Minuten bereits einige Zeit dort hing, der Laden aber offensichtlich dermassen viele Freunde und Fans gehabt hatte, dass diese noch immer in regelmässigen Abständen immer wieder dort auftauchten, um zu sehen, ob es vielleicht nicht doch wieder was gibt. Genau diese Leute versorgte der gute Mann von seinem Auto aus. Mangelnder Sinn für Unternehmertum und gewinnbringendes Ausnützen der nie nachlassenden Nachfrage konnte man solchen Typen noch nie vorwerfen.

Also machten wir uns, als wir einige Wochen nach diesem Happyend im Auto wieder dorthin stapften, nicht allzu viele Hoffnungen, die dann auch nicht erfüllt wurden. Immerhin sah ich besagten Zettel aus der Legende nun auch mit eigenen Augen. Etwas ratlos trotteten wir diesem Bach, den es dort irgendwo gibt, entlang in Richtung Altstadt. Dort, wo ich einige Zeilen weiter oben noch zufällig fündig geworden war, war jetzt ein Spielzeugwarengeschäft drin. Wir wurden immer ratloser. Schliesslich traten wir in einen Laden, der Setzlinge aller Formen und Grössen im Angebot hatte. Nicolas war skeptisch. Ich hingegen dachte, wir seien am richtigen Ort, da der Mann hinter der Theke gerade eine ordentliche Petarde am rauchen war. "Äh, Entschuldigung, kann man hier Grass kaufen?" "Non", so der ob der Frage sichtlich genervte Verkäufer, "c’est indiquè à la porte!" "Et vous nous pouvez pas dire, ou on pourrait acheter ça, par hazard?" "Ecoute non, c’est aussi indiqué à la porte!" Dann nannte er uns einen Platz, wo man auf der Strasse einkaufen konnte. Wir verstanden weder den Namen des Platzes, noch wussten wir, wo dieser war.

Wir trollten weiter in der Altstadt rum und fanden uns mit einem nüchternen Nachmittag ab, als uns ein Mann auf der gegenüberliegenden Seite auffällig-unauffällig zu sich hinüberwinkte. Offensichtlich hatten wir zuvor einige Sekunden zu lang und mit einigen Tränen zu viel in den Augen in ein Schaufenster voller Bongs und Wasserpfeifen geguckt, als dass er uns nicht für potentielle Kundschaft halten musste. Wir folgten ihm in einen kleinen Raum mit einem bequemen Sofa, auf dem bereits ein alter Mann sass, der genüsslich am einrauchen war. Wir setzten und dazu und prüften das Angebot. Neben diversen Sorten Indoor (alle aus der Gegend, wie uns der Händler sagte) förderte er auch noch einen wahrlich riesigen Sack – grösse Luftballon – Outdoor zu Tage, das uns allerdings nicht zu begeistern vermochte. Nach dem wir unser Tauschgeschäft abgeschlossen und noch ein wenig geplaudert hatten (die Tür zur Strasse hin war die ganze Zeit offen, so ernst kann es den örtlichen Gesetzeshütern tatsächlich nicht sein), schenkte er uns sogar noch je einen Sack Datteln, da er mit diesen ebenfalls handelte (offensichtlich zu deutlich tieferen Margen).


Hinweise:

Dieser Text wurde nicht von der Tourismusbehörde Biel/Bienne gesponsert.

Diese Geschichte ist Herrn Dunnerund gewidmet, obwohl er sich eigentlich eine Verfilmung gewünscht hatte.


Interpret: Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra and Tra-La-La Band, CAN

Album: Horses in the Sky

Song: God Bless Our Dead Marines

Jahr: 2005

Internet: Wikipedia, Website.

Empfohlene Tätigkeit beim Hören dieses Songs: Make an educated guess...

Artwork: Raumschiff, ein halber Mathis.








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