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Tom Waits - «The Piano Has Been Drinking (Not Me)»

SOTW #30-2008

Chinaski geht zum Postamt

TomWaits_depotdepot.JPG

Es war ein fürchterlicher Morgen, dem ein fürchterlicher Abend und eine noch viel fürchterliche Nacht vorausgegangen war. Ich hatte mal wieder gesoffen wie ein Bernhardiner und einen Schädel, der sich anfühlte wie eine riesige, leere Tennishalle. Trotzdem musste ich raus, musste unbedingt ein Paket zur Post bringen. Einen Wecker habe ich nicht, hatte ich nie, lässt sich nicht mit meiner Art zu Leben – wenn man die Art und Weise, wie ich meine verfluchten Tage auf dieser elenden Erde in dieser gottverdammten Stadt verbringe, denn so nennen will – nicht vereinbaren. Ich wachte dennoch früh auf, dank der freundlichen Sonne, dem unerbittlich grellen und heissen Arschgesicht, das seine mir verhasste Fratze durch mein Fenster direkt in die Augen knallte. Und ich wachte auf wegen den Vögeln. Diesen Höllenviechern, deren sinnloses Getschilpe meinen Tennishallenschädel mit Ohren- und Hirnbetäubendem Lärm füllte.

Erst mal aufgewacht, brachte ich mich nach einiger Zeit in die Waagrechte. Ich musste erst Rülpsen, dann Furzen. Beides etwa so laut, dass sie drüben im Erdbebenmesszentrum sicher leichte Eruptionen in meinem Viertel registriert haben. Ich stand auf, an Essen war nicht zu denken. Ich öffnete eine Flasche Bier und trank sie in einem Schluck, wie üblich ging es mir danach sofort besser. Ich schnappte mir das Paket, dass ich am Abend zuvor, zu einem Zeitpunkt, als der Abend noch nicht ganz so fürchterlich war, wie er dann schliesslich noch werden sollte, mit Büchern gefüllt habe, die ich einem Freund am anderen Ende des Kontinents zukommen lassen wollte. Ich war sehr stolz auf mich, denn ich hatte mir beim Verpacken ziemlich viel Mühe gegeben, hatte es mit meiner Personenwaage gewogen und exakt die erlaubten zwei Kilo gemessen, hatte den Hohlraum zwischen den Büchern und dem Deckel mit zusammengeknüllten Zeitungsseiten aufgefüllt, so dass nicht gleich alles im Paket durcheinander flog, wenn die Idioten auf dem Postamt das Paket hin und her warfen. Ich weiss, dass sie das tun, schliesslich habe ich ja selbst mal dort gearbeitet, 11 unendlich lange Jahre lang. Immer Nachtschicht. Jedenfalls, dann hatte ich das Paket mit Klebeband ordentlich verklebt und fein säuberlich – so säuberlich, wie mir das nur gelingen kann – mit der Adresse meines Freundes versehen. Nun trug ich also ebendieses Paket die Stufen vor meiner Bruchbude hinunter zu meinem Auto und stieg ein. Das Drehen des Zündschlüssels machte dem Motor keinerlei Eindruck. Verfluchte Scheisse. Ausgerechnet heute musste die Dreckskarre wieder streiken. Ausgerechnet heute, wo die Sonne brennt wie auf dem Mars und ich einen Kater so gross wie ein Walfisch habe, macht mein Wagen blau. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, das Paket und die Post und all diesen Dreck auf eine spätere Gelegenheit zu verschieben und wieder ins Haus zu gehen und mich erst mal ordentlich zu besaufen. Aus irgendeinem Grund aber stieg ich aus und begann zu meiner Überraschung, mit dem Paket unter dem Arm in Richtung Post zu laufen. Keine Ahnung wieso, denn ich würde dazu beinahe eine Stunde brauchen, dazu kam die brütende Hitze und die verpestete Luft entlang der Strasse. Auf wackligen Beinen machte ich mich dennoch auf den Weg. Millionen von Autos passierten mich während meines Marsches, aus einigen kamen spöttische Rufe, die alle Fussgänger in diesem Gottvergessenen Moloch auf Schritt und Tritt begleiten. Ich begegnete keinem anderen Menschen, der auch zu Fuss unterwegs war.

Als ich endlich in der Poststelle ankam, war ich überrascht, dass diese beinahe leer war. Zwei Schalter, die sich rechts vom Eingang befanden, waren geöffnet und an jedem stand bereits ein Kunde. In der Mitte des Raumes befand sich, entlang den Schalterkabinen, eine Kordel, hinter der man sich anzustellen hatte. Aber niemand stand dort, jedoch sass ein Mann auf einem Stuhl an der linken Wand, wohl der nächste Kunde, der bedient werden wollte. Ich folgte seinem Beispiel und setzte mich auf einen Stuhl neben ihm und ruhte meine Beine aus. Kaum hatte ich mich gesetzt, stand der andere Typ auf und stellte sich mit hektischen Bewegungen ans Ende der Kordel, um ja sicher zu gehen, dass ich ihm nicht den Vortritt klauen würde. Ich schüttelte den Kopf, bzw. ich hätte den Kopf geschüttelt, wenn ich nicht so verflucht müde und erschöpft gewesen wäre und wenn nicht in diesem Augenblick eine ziemlich schnieke Frau das Postamt betreten hätte. Sie trug ein kleines Kind, das irgendwas von Süssigkeiten quengelte, auf dem Arm, aber abgesehen davon war sie nicht zu verachten. Knackige Waden, die nach unten in wohlgeformte Knöchel und nach oben in starke, aber trotzdem weiche, ab einem gewissen – natürlich viel zu frühen – Zeitpunkt von einem Rock verdeckten Schenkel übergingen. Dann trafen sich unsere Blicke und ich erkannte in ihrem das Übliche. Entsetzen, Abscheu, Verachtung. Schnell wendete sie den Blick ab, ging an mir vorbei und stellte sich hinter den Typen beim Ende der Kordel. Ich gönnte mir einen letzten Blick auf ihren Arsch und schloss die Augen. Immer mehr Leute kamen in die Post, jedenfalls hörte ich immer mehr Stimmen, die ich immer unbewusster wahrnahm und schliesslich schlief ich ein. Ich war einfach zu fertig von diesem ganzen verfluchten Morgen und ich hatte keine Lust, hier um meinen Platz in der Schlange zu kämpfen, sollen mich doch alle am Arsch lecken. Schliesslich wurde ich von einem Gong, dem Gong, der sagt, dass die Post in zehn Minuten schliessen wird und dass ab diesem Zeitpunkt nur noch Leute bedient werden, die sich schon in der Halle befinden, geweckt. Ich schlug die Augen auf. Die Halle war leer. Nur hinter den beiden geöffneten Schaltern befanden sich Angestellte der Post. Beide schauten zu mir hinüber. Ich sah auf die Uhr über den Schaltern. Zehn vor Zwölf. Beinahe zwei Stunden hatte ich auf dem Stuhl geschlafen.

Jetzt stand ich auf, nahm mein Paket vom Boden und schwankte in Richtung des näher gelegenen Schalters. Ich legte mein Paket auf das Pult und die Glasscheibe fuhr nach oben. „Ich möchte bitte dieses Paket versenden“, sagte ich, überflüssigerweise. Sie nahm es und stellte es auf die Waage.
"Ist leider ein bisschen zu schwer für eine zwei-Kilo-Sendung, sie müssen entweder etwas rausnehmen oder mehr bezahlen."
"Wie viel zu schwer ist es denn?"
"Zweiundvierzig Gramm."
"Aha."
"Wollen Sie etwas rausnehmen oder wollen Sie den Preis für die nächst-höhere Gewichtskategorie bezahlen?"
Verfluchte Scheisse. Wegen zweiundvierzig Gramm! Ich wusste, es würde keinen Zweck haben, mit dieser Dame zu streiten, geradeso gut könnte man mit einem Bundesrichter streiten. Möge sie sich beim Mittagessen eine Lebensvergiftung holen, heute Nacht auf dem Heimweg geschändet und morgen früh am Hafen schanghait werden, ich alleine konnte hier jedenfalls nicht für Gerechtigkeit sorgen und ergab mich kampflos.
"Ja, dann nehme ich halt etwas raus." Wie viel zum Teufel sind denn zweiundvierzig Gramm überhaupt? Ein Mäusefurz? Die linke Schamlippe einer Eisbärinnenfotze? Eine halbe Schwimmwurst nach einem knallenden Bierschiss? Wie auch immer, fein säuberlich öffnete ich das von mir höchst sorgfältig zusammengeklebte Paket, nahm zwei von den vier zusammengeknüllten Puffer-Zeitungen raus und wog sie unter dem teilnahmslosem Blick der Post-Angestellten (sie musste das jeden Tag mehrmals sehen und verwette mein verfluchtes, totes Auto darauf, dass der Inhalt ihres Höschens beim Anblick eines leidenden und fluchenden Kunden alles andere als teilnahmslos blieb) in meinen Händen. Scheisse, waren das jetzt zweiundvierzig Gramm oder wie viel denn nun? Ich liess die beiden Zeitungen draussen und gab ihr das Päckchen, das sie wieder auf die Waage stellte. "Ist leider noch immer zu schwer."
"Wie viel denn?"
"Noch fünfzehn Gramm."
Heilige Scheisse. Sie gab mir das Päckchen wieder raus. Ich nahm das dritte zerknüllte Zeitungsstück raus und schob das Päckchen zurück. Sie legte es auf die Waage und sagte strahlend, als wäre ich ihr Ehemann und sie hätte soeben, nach Jahrzehnten erfolgloser Versuche, erfahren, dass sie schwanger ist: "Jetzt ist es in Ordnung."
Ich verschloss das Paket, zahlte eine horrende Summe, die ich viel lieber auf der Rennbahn investiert hätte, verliess die verdammte Poststelle so schnell mich meine Beine trugen und ging in die erste Kneipe, die ich finden konnte.

Interpret: Tom Waits, USA
Album: Small Change
Song: The Piano Has Been Drinking (Not Me)
Jahr: 1976

Internet: Wikipedia.

Empfohlene Tätigkeit beim Hören dieses Songs: Es dem Piano gleichtun... und dem Teppich einen neuen Haarschnitt verpassen.

Artwork: Strassenschild in Tokio, Japan, von Mathis fotografiert, von mir gegimpt.





Comments

Also irgendwie verspüre ich das tiefe Bedürfnis, diesen Text zu kommentieren. Aber ehrlich gesagt fällt mir nichts dazu ein. Was soll man da auch sagen!

Tja Leute, da seid ihr baff, was? Eine Bukowski-Hommage plus ein Erdbeben-Warnbild als Artwork und was passiert? In Los Angeles, Buks Wirkungsstätte, rumpelt die Erde!

i feel the earth, move, under my feet.

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