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Vangelis - «Blade Runner (Main titles)»

SOTW #37-2006

High Tech and low life

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Der Himmel über dem Hafen hatte die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist.

Wenn Count Zero auf den Balkon seiner Wohnung trat, hatte er eine tolle Aussicht über die Stadt. Wenn er gegen Süden blickte, sah er das alte Stadtzentrum, immerhin eines der grössten und am besten erhaltensten Freilichtmuseen Europas und dahinter den nebelverhangenen See mit seinen Brücken. Er konnte sich erinnern, dass am Ende des Sees früher mal Berge gestanden hatten, die allerdings im Zuge der Bauflächen-Erschliessung vor mehr als zwei Dekaden abgetragen worden waren. Und selbst wenn diese Berge noch da gewesen wären, hätte sie der Count von seinem Balkon nicht erkennen können, denn der dichte und dunkle und dreckige Russnebel (eine Folge des mysteriösen Anschlags auf den Atomreaktor Gösgen IV) verhinderte jegliche Fernsicht und machte die Tage düster und grau. Trotzdem konnte er hinter den Hügeln auf der linken Seite des Sees manchmal sogar einen kleinen Teil riesigen Küsnachter Glasglocke (eine Reaktion auf den Nebel und die ungesunde Luft, die dieser barg. Über die ganze Stadt verteilt gab es mittlerweile bereits acht dieser Glocken) erkennen.

Schaute er vom Balkon gerade aus, in Richtung Westen, sah er auf das gezackte Dach des Rollerball-Domes hinunter. Dahinter erhoben sich dunkel und bedrohlich die trostlosen Türme der Koolhaas-Gropius Projektstadt, die mit Brücken auf verschiedenen Ebenen verbunden waren und zu deren Füssen sich das Stauffacher-Escher/Wyss-Kreuz, dem berüchtigtsten Amüsierviertel des gesamten TMMO - und wohl die grösste Touristenattraktion, welche die Stadt des Counts seit der Schliessung des Lettenareals vor etlichen Jahrzehnten je hatte - erstreckte.

Drehte sich der Count auf seinem Balkon nach Norden, wo das Tal und damit auch die Stadt, die mit der Zeit jeden verfügbaren Zentimeter des Bodens mit ihren Gebäuden besetzt hatte, breiter wurden, sah er den Beginn des nicht enden wollenden Häusermeers, welches seine Stadt mit den anderen Teilen des Turicum-Mittelland-Metropolen-Oktagons (seine Stadt, das Zentrum des TMMO, war nach einem verlorenen Namensrechts-Streit mit einem Versicherungskonzern gezwungen, wieder ihren antiken Namen anzunehmen) verband. Als der Balkon des Count noch nicht mit Glasfenstern eingefasst war und er sich über das Geländer neigen konnte, konnte er ganz im Norden sogar Teile der gigantischen EMS&Soylent-Arkologie erkennen, die sich damals noch im Bau befand. Die fertige Arkologie erinnerte den Count dann irgendwie immer ein wenig an den ersten Sarkophag des Tschernobyl-Reaktors.

Von drinnen piepste das Ono-Sendai Deck bereits wie wild, höchste Zeit für Count Zero, sich wieder einzustecken.


INFOBOX
Interpret: Vangelis, GR
Album: Blade Runner Soundtrack
Song: Main titles
Jahr: 1982

Internet: Vangelis Fansite

Artwork: Altstetten; der erste Satz wurde geklaut aus William Gibsons Buch «Neuromancer»





Comments

Lieber Hannes, herzlichen Dank für dieses Stück erBaulicher SciFi-Literatur. Nett übrigens, dass du Küsnacht unter eine Glocke gesetzt hast. Da wird sich auch meine Nachbarin freuen, die gerade mit viel Krach einen Teich in ihrem 3x3m Garten angelegt hat.
Ich freue mich auf die Fortsetzung!

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